Achtsame Kommunikation – eine kurze persönliche Reflexion über das Sender- und Empfängerverhalten

In zahlreichen Führungs- und Entwicklungsseminaren, die ich speziell während meiner Angestelltenverhältnisse zwischen 1990-2003 absolviert habe, war – vereinfacht ausgedrückt – stets davon die Rede, dass der Sender dafür verantwortlich sei, was beim Empfänger ankommt. Diese These hat bei mir schon zum damaligen Zeitpunkt ein eigenartiges Bauchgefühl ausgelöst – soll heißen, dass es mir sehr schwer fiel, sie als Dogma in mein Werte- bzw. Handlungsmuster aufzunehmen. Zu einfach erschien mir dieser Zugang, allein ich konnte es mit meiner damaligen Erfahrung nicht so stringent begründen und durchargumentieren, dass man meinen Gedanken folgen wollte. Speziell in der Aufarbeitung von Konfliktsituationen hieß es, dass ich dafür Sorge tragen müsste, hinsichtlich Inhalt und Tonalität der von mir ausge“sendeten“ Informationen darauf zu achten, dass diese so beim Empfänger ankommen, wie ich das möchte. Und dass in weiterer Folge es einzig an mir liege, wenn das nicht der Fall ist.

Führungskräfte und auch mir nahestehende, grundsätzlich erfahrenere, Menschen, haben mich stets darauf aufmerksam gemacht, die Schuld bei mir und nicht bei den anderen zu suchen. Das hat mich etwas belastet und war auch im Nachhinein bestimmt ein Grund dafür, warum es mir lange nicht gelungen ist, ein vernünftiges, gesundes und notwendiges Maß an Selbstliebe zu entwickeln. Es ging offenbar sogar so weit, dass ich mich für meine Kommunikationsfehler laut diesem Modell als „Sender“ unterbewusst zu „hassen“ begann. Dass man in diesem Zusammenhang erstens nicht von Schuld sprechen kann und darüber hinaus sich der Sachverhalt wesentlich komplexer darstellt, hat sich für mich mittlerweile klarer erschlossen bzw. bestätigt. Und zwar im Zusammenhang mit der Erkenntnis der Funktionalität der „trivialen Maschine“. Vielleicht hätte dort diese ebenfalls triviale, vermeintliche Gesetzmäßigkeit ihre Gültigkeit.

Um nicht falsch verstanden zu werden: es geht nicht darum Schuld zu suchen und diese womöglich von mir auf andere abzuwälzen – es geht mir darum, erkannt zu haben, dass die Ursache-Wirkungs-Mechanismen anders funktionieren und aus differenzierterer, deutlich komplexerer Sicht zu beurteilen sind. Selbst wenn die Information exakt die gleiche ist (Inhalt, Tonalität), so hängt der Gehalt des Empfangenen massiv von der Interpretation der/ desjenigen ab, die/der diese aufnimmt. Wenn wir von der Kommunikation zwischen zwei Menschen sprechen, dann handelt es sich um den Austausch zwischen zwei nicht trivialen Systemen. Als solche Er-Rechnen diese immer wieder ihre eigene Realität und nachdem sie im Sinne von System und Umwelt zueinander stehen, wirken sie auch wechselseitig aufeinander. Die Konstruktionen der Wirklichkeit der einzelnen Systeme schaffen erst die spezifische Bedeutung des ausgesendeten Signals. Das heisst die Inhalte hängen nicht nur von der Bedeutungsgebung des Senders ab.

Mein Learning daraus ist nun danach zu streben, die sogenannte Kybernetik 2. Ordnung so gut als möglich an mir selbst anzuwenden, also achtsam zu handeln:

Achtsamkeit ist die beabsichtigte Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Gegenwart, d. h. auf den aktuellen Moment, auf die gegenwärtige Erfahrung. Achtsamkeit bedeutet das bewusste Beobachten, wobei die Beobachtung aus einer bestimmten Haltung heraus erfolgt. Diese ist

  • wohlwollend, akzeptierend,
  • nicht urteilend, nicht wertend,
  • nicht einteilend oder kategorisierend,
  • nicht identifiziert mit dem Objekt der Beobachtung, jedoch unmittelbar an der Erfahrung teilhabend,
  • unvoreingenommen offen,
  • die Welt wie mit den Augen eines Kindes betrachtend („Anfängergeist“)

In weiterer Folge entscheidend ist dann die Bewusstheit über den Prozess des Beobachtens selbst: ein Gewahrsein des gewahr seins, unabhängig von den beobachteten Objekten, unabhängig davon, ob der Fokus der Aufmerksamkeit weit oder eng ist. Aus meiner Sicht stellt das „Erwachen des inneren Beobachters“, das Essentielle der Achtsamkeit dar.

Ich denke, wenn man sich diese Umstände vergegenwärtigt, macht es die Beurteilung und Einordnung von Kommunikationsprozessen deutlich werthaltiger. Wenngleich diese Erkenntnisse die Sache nicht einfacher machen, so konnte ich persönlich mit diesem Thema nun meinen Frieden schließen.