Wie ACHTSAMES FÜHREN die Welt rettete!

Entscheiden und Verantwortung tragen nach den HRO-Prinzipien bewahrte uns im September 1983 vor dem 3. Weltkrieg. DANKE Stanislaw Petrow!

Am 26. September 1983 stand die Welt kurz vor einem Atomkrieg: Die Zeit war selbst für die Maßstäbe des kalten Krieges angespannt. Dreieinhalb Wochen zuvor hatte die Sowjetunion ein südkoreanisches Passagierflugzeug abgeschossen, das ihren Luftraum verletzt hatte, alle 269 Insassen kamen ums Leben. US-Präsident Reagan hatte die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ bezeichnet, diese wiederum fürchtete, die USA planten einen nuklearen Erstschlag. Kurz nach Mitternacht meldete ein Satellit der Kommandozentrale des sowjetischen Raketenfrühwarnsystems den Anflug amerikanischer Raketen. Doch der damals diensthabende russische Oberstleutnant Stanislaw Petrow bewahrte kühlen Kopf, entschied, dass es sich um eine Fehlmeldung handelte, und rettete damit höchstwahrscheinlich Abermillionen Menschen das Leben.

Der vermeintliche Atomangriff der USA entpuppte sich als Fehlalarm. Die Sensoren des Satelliten werteten Sonnenstrahlen, die von den Wolken in der Nähe der amerikanischen Basis reflektiert wurden als Raketenabschüsse. Stanislaw Petrow vertraute seiner menschlichen Urteilskraft mehr als der High-Tech. „Selbst-Bewusstsein“ ist heute aktueller und gefragter denn je und das mittlerweile nicht mehr NUR in High-Reliability-Organisations (Hoch-Zuverlässigkeits-Organsiationen).

Deklinieren wir das Szenario kurz im Sinne der von den renommierten Organisationsforschern Karl Weick und Kathleen Sutcliffe identifizierten 5 HRO-Prinzipien durch:

1. Konzentration auf Fehler:
Die Tatsache, dass Petrow, obwohl die roten Signale „START“ für ihn Gegenangriff signalisierten, hier eine potenzielle Fehlerhaftigkeit in Betracht zog, war Grundvoraussetzung für alles Weitere, und das, was glücklicherweise nicht eingetreten ist.

2. Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen:
Hier geht es im wesentlichen um Erwartungen. Die Welt jedes Einzelnen, aber auch das, was wir als kollektive Wahrnehmung bezeichnen, ist größtenteils vorinterpretiert. Wir verfügen über einen gewissen Vorrat an Bedeutungen, der unterschiedlichen Gegebenheiten zugeordnet werden kann. In diesem Fall war die Bandbreite an Handlungsoptionen wohl enden wollend. Es ist davon auszugehen, dass die Procedure aufheulende Sirenen und das rote Signal „Start“ relativ klar auslegte.

3. Sensibilität für organisatorische Abläufe:
Ein wesentlicher Grund, warum Oberstleutnant Petrow an der Gültigkeit des Alarms zweifelte war, dass nur eine von der Basis im amerikanischen Bundesstaat Montana abgeschossene Interkontinentalrakete gemeldet wurde. Später wurden noch vier weitere Starts vermeldet, doch alle von der gleichen Basis. Petrow wusste, dass es für einen effizienten Angriff viele Raketen von mehreren Basen brauchte, um die Vernichtungskraft zu vergrößern. Er ging weiterhin von einem Fehlalarm aus, bis 17 Minuten später klar wurde, dass tatsächlich keine Raketen heranflogen.

4. Streben nach Flexibilität:
Flexibel zu sein bedeutet, bereits aufgetretene Fehler oder Störungen zu korrigieren, bevor sie sich verbreitern und weiteren Schaden verursachen. Um solche Ereignisse zu bewältigen, bedarf es einer anderen mentalen Ausrichtung als bei den ersten drei angeführten Massnahmen mit präventivem Charakter.

5. Respekt vor fachlichem Wissen und Können:
Ab dem Zeitpunkt eines feindlichen Raketenabschusses blieben der sowjetischen Führung 28 Minuten um – unwiderruflich – einen Gegenschlag einzuleiten. Petrow musste befehlsgemäß innerhalb von 15 Minuten rapportieren. Er meldete einen Fehlalarm. Fachliches Wissen und Können ist eine Mischung aus Kenntnis, Erfahrung, Lernen und Intuition und hängt nicht notwendigerweise mit der Position in der Organisationshierarchie zusammen. Oberstleutnant Petrow war als Entscheider in diesem Fall genau die richtige Person, am richtigen Ort. In einem Interview mit einer deutschen Tageszeitung sagte er: „Ich vertraute damals meiner Erfahrung und meinem Gefühl, nicht den Computern. Danach trank ich einen halben Liter Wodka und schlief 28 Stunden.“

Unbedankt und leise blieb es um diese Heldentat in Stanislaw Petrows Heimat. Und ebenso verhielt es sich mit seinem Ableben. Als ein deutscher Freund ihm am 7. September telefonisch zum Geburtstag gratulieren wollte, erfuhr er von Petrows Sohn, dass sein Vater am 19. Mai gestorben sei. Daraufhin schaltete der Freund eine Todesanzeige in der „WAZ“, die bald darauf berichtete. Über diesen Umweg gelangte die Nachricht vom Tod des „Retters der Welt“ schliesslich auch in deren russischsprachigen Teil.

Quellen:
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Online-Ausgabe: m.faz.net
www.karl-schumacher-privat.de
„Das Unerwartete managen“, K. Weick/K. Sutcliffe, Schäffer-Poeschel Verlag, 2010